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Das Minarett und die Ruinen von Jam

präsentiert von xago - Das Welterbe

Begründung der Aufnahme (2002):

  • Zeugnis kulturellen Austauschs
  • Zeugnis einer Kultur
  • Erbe von besonderer menschheitsgeschichtlicher Bedeutung

Jam - Einführung und Kurzbeschreibung
Geschichtlicher Überblick
Beschreibung des Miraretts und der umliegenden Ruinen
Das Minarett von Jam
Die übrigen Ruinen von Jam
Archäologische Funde
Stellungname der UNESCO
Weblinks
Quellen und weiterführende Literatur
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Das Minarett von Jam - Einführung und Kurzbeschreibung

Das Minarett von Jam (persisch: منار جام , in deutscher Transkription auch gelegentlich Dscham) gehört zu den aussergewöhnlichsten Werken islamischer Baukunst. Der ursprünglich 65 Meter hohe Backsteinturm wurde um 1190 n. Chr. errichtet und ist vor allem wegen seiner kunstvollen Verzierungen und Inschriften bemerkenswert. Seit dem Jahre 2002 wird das Minarett gemeinsam mit den umliegenden Ruinen von der UNESCO auf der Liste des Weltkulturerbes geführt. Heute ist der Turm auf Grund seiner Neigung nur noch 62 Meter hoch und droht nach Angaben der BBC, die sich auf die Aussagen von Experten beruft, in naher Zukunft vollständig zu kollabieren, sollten nicht dringend weitere Maßnahmen zum Schutze des Monuments ergriffen werden. Das Minarett von Jam ist nach dem Qutb Minarett in Delhi (72,5 Meter) das zweithöchste Minarett der Welt, das vollständig mit Backsteinziegeln erbaut wurde. Beide Minarette wurden von den Ghuriden errichtet.

Die Ausgrabungsstätte mit dem imposanten Minarett liegt etwa 215 Kilometer östlich von Herat im äußerst schwer zugänglichem Distrikt Shahrak (persisch: ولسوالی شهرک ) der zentralafghanischen Provinz Ghor (persisch: ولایت غور ) am Zusammenfluss der beiden Flüsse Hari (persisch: هری‌رود , Hari Rud) und Jam (persisch: هری‌ جام , Hari Jam). Bis zu 3500 Meter hohe Gipfel umgeben die auf etwa 1900 Metern über dem Meeresspiegel gelegene Ebene. Die etwa fünf Kilometer südlich gelegene kleine Ortschaft Jam, ist zwar nachweislich uralt, heute jedoch nur noch von sehr geringer historischer Bedeutung, obgleich einige Archäologen vermuten, dass der Ort Aufschluss über die Geschichte der Ghuriden-Dynastie (879 – 1215, persisch: سلسله غوریان ) bieten könnte.

 

Das Minarett und die Ruinen von Jam – geschichtlicher Überblick

Das Minarett von JamEs wird vermutet, dass es sich bei den Ruinen um die letzten Überreste der einst prachtvollen Stadt Firozkoh (persisch: فیروزکوه , im englischen Sprachraum auch Turquoise Mountain genannt) handelt. Firozkoh war die erste Hauptstadt der Dynastie der Ghuriden, von der sich noch heute der Name der Provinz (Ghor) ableitet. Die Ghuriden waren aller Wahrscheinlichkeit nach ein ostiranisches, vielleicht auch tadschikisches Volk, das sein Kernland in der Region um Jam hatte. In seiner Blütezeit reichte das Reich der Ghuriden über das Gebiet des heutigen Afghanistans hinaus, etwa vom Kaspischen Meer im Westen bis an den Golf von Bengalen im Osten. Nachdem das Kernland im Jahre 1011 von den muslimischen Ghaznaviden unter Mahmud von Ghazni (persisch: سلطان محمود غزنوی, geb. 2. Oktober 971, † 30. April 1030) erobert wurde, konvertierten die Ghuriden vom Buddhismus zum Islam. Aus dieser Zeit stammen die ältesten islamischen Bauten, die unter Abu Ali ibn Muhammad (persisch: ابو علی بن محمد , Regierungszeit: 1011 - 1035) errichtet wurden. 1940 wurden die Ghaznaviden von den Seldschuken vernichtend geschlagen.

Im Jahre 1175 eroberten die Ghuriden Herat und machten es zu ihrer Hauptstadt. Erst im Jahre 1186 gelang den Ghuriden die Rückeroberung Firozkohs und die vollständige Vertreibung der Ghaznaviden. Möglicherweise wurde kurz darauf unter Sultan Ghiyath al-Din Muhammad (persisch: غیاث‌ الدین محمد بن سام , Regierungszeit 1163 – 1202) mit dem Bau des mächtigen Minaretts begonnen. Einige Gelehrte gehen jedoch davon aus, dass das Minarett bereits in den Jahren 1173/74 errichtet wurde. Funde aus den 1950er Jahren deuten darauf hin, dass etwa um die gleiche Zeit sich auch eine jüdische Gemeinde in Firozkoh behaupten konnte. Vor allem Inschriften auf verschiedenen Grabmälern, die in der Region gefunden wurden, stützen diese Vermutung. Firozkoh verlor jedoch ab dem 13. Jahrhundert ein wenig an Bedeutung und wurde schließlich im Jahre 1222 von den Truppen Ögedei Khans, einem Sohn des berüchtigten Mongolen Dschingis Khans, nach zweimaliger Belagerung erobert, die bis auf wenige Bauten (darunter das Minarett von Jam), die Stadt dem Erdboden gleich machten.

 

Beschreibung des Minaretts und der umliegenden Ruinen

Das Minarett von Jam

Das Minarett von Jam - Weltkulturerbe der UNESCODas Minarett von Jam war außerhalb Afghanistans weitgehend unbekannt, bis im Jahre 1886 der Geograph und spätere President der Royal Geographical Society Sir Thomas Holdich im Rahmen seiner Tätigkeit für die Afghan Boundary Commission (einer englisch-russischen Grenzkomission) erstmals in der westlichen Welt darüber berichtete. 1957 veröffentlichten die französischen Orientalisten André Maricq und Gaston Wiet eine Dokumentation, die zumindest in Fachkreisen Aufmerksamkeit erweckte. Vor der sowjetischen Invasion im Jahre 1979 erforschte Werner Herberg das Gebiet. Der britische Historiker und spätere Direktor des Instituts für afghanische Studien in Kabul (British Institute of Afghan Studies in Kabul) setzte seine Arbeit fort. Seit 2003 erforscht ein Team der University of Cambridge unter der Leitung von Dr. David Thomas und Dr. Alison Gascoigne das Minarett und seine Umgebung.

Das Minarett von Jam steht auf einem achteckigem Fundament mit neun Metern Durchmesser. Vier sich im Durchmesser verkleinernden, zylinderförmige Schächte wurden bei der Konstruktion übereinander errichtet. Das Minarett ist nahezu vollständig mit geometrisch aufeinander abgestimmten Reliefs und türkisfarbenen Fließen dekoriert. Im Inneren des Turmes führt eine steile doppelte Wendeltreppe nach oben. Ursprünglich hatte das Minarett zwei hölzerne Balkone.

Der untere Abschnitt des Minaretts enthält die vollständige 19. Sure des Korans (Maryam). Außerdem trägt er einige Inschriften über die Heilige Jungfrau Maria, Jesus Christus sowie von den Patriarchen Abraham und Isaak, die von allen drei großen monotheistischen Religionen – dem Judentum, dem Christentum und dem Islam – verehrt werden. An der Nordseite weist eine kufische Schrift auf das Jahr 590 hin, was in unserer Zeitrechnung dem Jahr vom 27. Dezember 1193 bis zum 16. Dezember 1194 entspricht. Eine stark beschädigte Stuckinschrift über dem ersten Abschnitt enthält den Namen Abu'l-Fath.

Der oberste Abschnitt des Turmes enthält das islamische Glaubensbekenntnis (Schahada, الشهادة‎‎ ): „Ich bezeuge: Es gibt keinen Gott außer Allah und ich bezeuge, dass Muhammad der Gesandte Allahs ist.“ Darunter verkündet eine weitere Inschrift den Vers 13, der Sure 61 (as-Saff, „die Reihe“, arabisch: سورة الصف ): „Und (noch) eine andere (Huld), die ihr liebt (wird euch gewährt): Hilfe von Allah und ein naher Sieg. Und (so) verkünde (diese) frohe Botschaft den Gläubigen.“

Die übrigen Ruinen von Jam

Von der einstigen Freitagsmoschee, die zum Minarett gehörte, ist heute kaum noch etwas übrig. Es wird jedoch vermutet, dass sie verhältnismäßig klein war. Einiges deutet auch darauf hin, dass sie schon vor dem Einfall der Mongolen vom Hari Rud, der über seine Ufer getreten war, weggespült, mindestens jedoch stark beschädigt wurde. Einige ihrer wenigen Überreste wurden auch nicht neben dem Minarett, sondern in einer etwa 90 Meter entfernten Höhle entdeckt.

Etwa 400 Meter oberhalb des Minaretts befindet sich an einem Hang des Kuh-e Khaaraa (persisch: کوه خارا ) eine Zisterne, die von den Einheimischen als Khaaneh-e Dokhtaraan-e Padehshah (persisch: خانه دختران پادشاه , „Haus der Töchter des Königs“ ) bezeichnet wird. Einiges deutet darauf hin, dass die Zisterne vormals auch bewohnt war. Türkisfarbene Fließen und einige Überreste von Gegenständen, die höchstwahrscheinlich aus Persien stammen, unterstreichen diese Theorie. Die Zisterne ist 8,20 Meter lang, 4,95 Meter breit und etwa 4,5 Meter tief. Die massiven Mauern sind bis zu einem Meter dick. Die Archäologen vermuten, dass in der Zisterne Schnee und Eis gesammelt wurde.

Ein jüdischer Friedhof etwa 1,5 Kilometer südlich des Minaretts von Jam bezeugt die Existenz einer jüdischen Gemeinde im 12. und 13. Jahrhundert. Er liegt am Westufer des Jam Flusses. Einige Spuren deuten darauf hin, dass der Ort zeitweise unter rivalisierenden Gruppen stark umkämpft war. Der Friedhof wurde vermutlich erst in jüngerer Zeit wiederentdeckt, da er in keinen der früheren Berichte erwähnt wurde. Die Untersuchungen der Archäologen dauern hier noch an. Die Überreste lassen die Vermutung zu, dass die jüdische Gemeinde in Jam einen nicht unerheblichen Einfluss und Wohlstand genoss.

Unweit des Jam Flusses wurde auch ein sehr gut erhaltener Steinofen entdeckt. Er ist etwa 4 Meter lang, 1,7 Meter hoch und 1,7 Meter breit. Sechs je 52 cm breite Bögen unterteilen den Ofen, dazwischen liegen ca. 12 cm breite Schlitze, die als Rauchabzug dienten.

Insgesamt zehn Räuberhöhlen konnten am Westufer des Hari Jam entdeckt werden. Wann genau sie bewohnt waren, kann nicht mit Gewissheit festgestellt werden. Jedoch richteten Diebe, Räuber und Plünderer in der Region einen erheblichen kulturellen Schaden an.

Archäologische Funde

In den letzten Jahren ergaben zahlreiche Ausgrabungen, die vor allem von einem archäologischen Team der University of Cambridge durchgeführte wurden, wertvolle Aufschlüsse und Einblicke in die unterschiedlichen Kulturen, die im Laufe der Jahrhunderte die Region besiedelten. Vor allem dem Alltagsleben der Ghuriden wurde bei der Analyse der gefundenen Gegenstände besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

Bei botanischen Analysen stieß Mette Marie Hald von der University of Sheffield vor allem auf Getreide (darunter Gerste und Weizen), verschiedene Hülsenfrüchte, wie Kichererbsen und Linsen sowie Obst und Nüsse wie Äpfel, Birnen, Feigen, Trauben, Pistazien und Wildpflanzen. Selbst die Unkräuter, die identifiziert werden konnten, bieten den Wissenschaftlern aufschlussreiche Erkenntnisse über die landwirtschaftlichen Praktiken der Ghuriden.

An Hand der tierischen Überreste aus der Region um Jam lassen sich ebenfalls wertvolle Rückschlüsse ziehen. Schafe und Ziegen machen den größten Teil aus und erlauben die Annahmen, dass die Bewohner von Jam zumindest Zeitweise die Viehzucht im großen Stil betrieben und der Handel mit Fleisch und Fleischprodukten eine der Haupteinnahmequellen der Bewohner war.

Zahlreiche Keramiken konnten geborgen werden, obgleich viele der Kostbarkeiten bedauerlicherweise von Plünderern geraubt und auf zwielichtige Weise ins Ausland geschafft wurden. Die Funde belegen, dass in der Region um Jam bereits im 12. Jahrhundert ein Reger Handel, sowohl mit dem Westen, als auch mit dem Osten, stattgefunden hat. Einige der Keramiken können eindeutig der Region um Kushan (Iran) zugeordnet werden, während andere offensichtlich aus Zentralasien stammen. Auch einige sehr kunstvolle chinesische Porzellanstücke (darunter Celadon) sind unter den gefundenen Gegenständen.

Im Labor wurden auch zwei Proben der Fließen analysiert. Eine wurden direkt dem Fundament des Minaretts entnommen, eine weitere stammt aus einer Höhle der näheren Umgebung. Für die Herstellung der Fließen ist eine Temperatur von ca. 950 °C erforderlich.

Stellungname der UNESCO

Bereits im Jahre 1982 wurde das Minarett von Jam für das Welterbe vorgeschlagen. Die Aufnahme auf die Liste erfolgte schließlich 2002 im Rahmen der 26. jährlichen Versammlung des Welterbekomitees in Budapest vom 24. bis 29. Juni. Gleichzeitig wurde die Kulturstätte auf die Liste des gefährdeten Erbes der Welt (auch „Rote Liste“ genannt) gesetzt.

Die UNESCO erklärt die Aufnahme wie folgt:

Das Minarett von Jam und die umliegenden Ruinen erfüllen drei von sechs Kriterien, die für die Aufnahme in die Liste des Weltkulturerbes relevant sind.

Zeugnis kulturellen Austauschs (ii.)
Die innovative Architektur und Dekoration des Minaretts von Jam spielten eine bedeutende Rolle bei der Entwicklung der Künste und der Architektur auf dem indischen Subkontinent und darüber hinaus.

Zeugnis einer Kultur (iii.)
Das Minarett und die Ruinen von Jam bilden zusammen ein außergewöhnliches Zeugnis für den Einfluss und die Macht der Ghuriden-Dynastie die die Region im 12. und 13. Jahrhundert beherrschte.

Erbe von besonderer menschheitsgeschichtlicher Bedeutung (iv.)
Das Minarett von Jam ist ein ausgezeichnetes Beispiel islamischer Architektur und Ornamentik in der Region und beeinflusste auch ihre weitere Verbreitung.

 

Weblinks

 

Quellen und weiterführende Literatur

  • Carl Rathjens - Neue Forschungen in Afghanistan, 1981 Springer Fachmedien Wiesbaden
  • Nancy Hatch Dupree - An Historical Guide to Afghanistan. 1st Edition, 1970 Afghan Tourist Organization
  • J. Sourdel-Thomine - Le minaret Ghouride de Jam. Un chef d'oeuvre du XIIe siècle, Paris 2004
  • D.C. Thomas, G. Pastori & I. Cucco - The Minaret of Jam Archaeological Project
  • Ehsan Yarshater - Encyclopædia Iranica (Teheran 1982)
  • Jaroslav Poncar - Afghanistan, Edition Panorama 2016
  • Ludolph Fischer - Afghanistan, Springer 2014

 

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