Slowakei - Das historische Zentrum von Bardejov
Fotoarchiv Bardejov
Bardejov (deutsch Bartfeld) - Hat man sich einmal
durch die Vorstadt geschlagen, durch graue Industrieviertel, Plattenbauten,
triste Straßen und verkommene Parks, gelangt man schließlich in
eine Altstadt, die ihr Wesen in den letzten Jahrhunderten nur kaum verändert
hat. Steht man auf dem Rathausplatz, fühlt man sich unweigerlich
in eine längst vergangene Zeit versetzt. Die Zeit, zu der hier
Handwerker, Gelehrte und Kaufleute die Stadt in eine glanzvolle Periode
des Wohlstands und Ansehens führten. Die Häuser rund um den
Rathausplatz scheinen mit einem Lineal angeordnet zu sein, fein säuberlich
herausgeputzt, wie zu einem morgentlichen Appell, keines tanzt aus der
Reihe. In der Mitte das historische Rathaus, am hinteren Ende des Platzes
die Basilika des Hl. Ägidius (Bazilika sv. Egídia), dazwischen
noch die Statue des Hl. Florians (Socha sv. Floriana). Das war's...
Das war es und das ist genau das, was den Reiz dieser einzigartigen
Stadt ausmacht: ihre historische Schlichtheit, ihre Klarheit, ihre mittelalterlichen
urbanen Züge, wie aus einem Modellbaukasten. Nicht umsonst steht
der Name dieser teils aufwändig renovierten Stadt seit dem Jahre
2000 auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO.
Von Stará L'ubovňa gelangt man über die Hauptstrasse 77 nach
etwa 60 km nach Bardejov. Von Prešov
aus erreicht man Bardejov über die Hauptstraße Nr. 545 in nördliche
Richtung nach etwa 45 km. Heute leben in der 277 m über dem Meeresspiegel
gelegenen Kleinstadt im nordöstlichem Teil der Slowakei etwa 35.000
Einwohner. Ungefähr 5 km nördlich der Stadt liegt der kleine Kurort
Bardejovské kúpele in einem sattgrünen Tal. Zahlreiche Adelige, darunter
Joseph II., Napolions GattinMarie-Luise, Zar Alexander I. und die Kaiserin
Sisi waren hier bereits zur Kur. Das Hotel, in dem die Kaiserin nächtigte,
wurde ihr zu Ehren in Hotel Elisabeth umbenannt. Offensichtlich war
die Monarchin mit der Kur zufrieden, denn sie schenkte dem Bürgermeister
der Stadt den Ring, den sie am Finger trug.
Die Geschichte der Stadt geht bis ins 13. Jahrhundert zurück, als König
Stephan V. den Ritter Otto von Bieberstein mit dem Grund dieser Region
beschenkte. Zu dieser Zeit gab es in der Umgebung bereits einige slawische
Siedlungen. Zu Beginn des 14. Jahrhunderts wurde Bardejov von Deutschen
besiedelt, die überwiegend aus Sachsen anreisten. Sie brachten einen
regen Handel in die Stadt. Mit der Zahl der Handwerker wuchs auch der
Wohlstand Bartfelds, wie die Deutschen Bardejov nannten. Im Jahre 1376
erhielt Bartfeld den Status einer königlichen Freistadt, wurde jedoch
im 15. Jahrhundert an Polen verpfändet. Nach einigen Jahrzehnten der
Lethargie blies im 16. Jahrhundert wieder Wind in die Segel der kleinen
Handelsstadt. Gleich zwei Buchdrucker konnten sich in Bardejov etablieren,
eine Papiermanufaktur lieferte ins ganze Land und weit über dessen Grenzen
hinaus. Die Freude an diesem neuen Aufschwung währte jedoch nicht lange,
mehr und mehr wurde Bardejov in Aufstände gegen die Habsburger verwickelt.
Pestepidemien und einige schwere Brände gaben dem florierenden Städtchen
den Rest. Nicht zuletzt die ungünstige Lage der Stadt veranlasste viele
Bürger Bardejov zu verlassen, zumeist nach Übersee.
Zu den berühmten Söhnen der Stadt zählen Leonard Stockel (1510-1560)
und David Gutgesell. Letzterer war der erste, der Martin Luthers "Katechismus"
ins Slowakische übersetzte. Ersterer, Leonard Stockel, war Schüler Martin
Luthers und Philipp Melanchthons. Nach seiner Ausbildung in Košice,
Breslau und Wittenberg wurde er in Bardejov Direktor des Humanistischen
Gymnasiums (Humanistiká škola). Dieses genießt heute noch einen ausgezeichneten
Ruf, weit über die Region hinaus.