Nachrichten aus der Türkei

30. Juni 2009

Kemer, (k)ein Ende im Streit um Skulptur

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags:, , , — Christoph @ 10:03
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Seit 2007 erregt “Aşk Yağmuru” (Liebesregen), eine Skulptur des türkischen Künstlers Zafer Sarı, die Gemüter der Einwohner Kemers. Im April dieses Jahres ließ der neugewählte Bürgermeister der Partei der Nationalistischen Bewegung (Milliyetçi Hareket Partisi, MHP) Mustafa Gül die Skulptur entfernen. Diese stellte ein nacktes Paar beim Tanzen dar (andere wollten es beim Liebesakt erkennen). “Vor der Wahl wusste jeder, dass ich gegen die Skulptur war”, verteidigte Gül seine Maßnahme. “Während meiner Wahlkampagne war die Frage nach der Skulptur die erste, die ich von den Wählern gestellt bekam. Auch viele Touristen hatten sich über das fragwürdige Paar beschwert”, wusste Gül vorzutragen. Auf die Frage, was nun mit dem Kunstwerk geschähe: “Nichts, Zafer kann es zurückhaben, wenn er etwas damit anzufangen weiß”.

Liebesregen in KemerDer Künstler selbst war freilich wenig begeistert von Güls erster Aktion im Amt. Strafanzeige würde er stellen. Er fühle sich veräppelt von den Behörden. Güls Vorgänger Hasan Şeker (CHP) hatte schließlich vor nicht allzulanger Zeit das Kunstwerk in Auftrag gegeben. “Ich weiß nicht, was ich sagen soll, das erinnert an den Fall von Melih Gökçek.” Gökçek war im Jahre 1994 zum Bürgermeister Ankaras gewählt worden. Noch im selben Jahr ließ er eine Skulptur entfernen, die er als obszön betrachtete. Eine Maßnahme, die elf Jahre später rückgängig gemacht wurde.

Nach massiven Protesten der Medien, verschiedener Künstlerverbände und auch aus der Bevölkerung, rudert das Stadtoberhaupt allmählich zurück und schlägt ganz andere Töne an: “Wir hatten zu keinem Zeitpunkt das Kunstwerk kritisiert. Wir waren lediglich gegen seinen Standort.” Das tanzende Paar stand ursprünglich an der Kreuzung des Atatürk Boulevards und der Tuvakkıran Caddesi, zwischen einer Moschee und einer Schule. Ein geeigneterer Standort sei der Kuğulu Park, so Gül.

Güls Bestrebungen, die Skulptur in Kemer wieder aufzustellen überraschen nach seinem vormals unbeirrten Vorgehen gegen das Kunstwerk. “Nachdem wir das aufsehenerregende Werk entfernt hatten, wurde ich als ‘Kulturbanause’ und ‘Feind der Künste’ beschimpft. Mit einer feierlichen Wiedereinweihung gemeinsam mit unseren Freunden zeigen wir, dass wir zu Kunst und Künstlern stehen.”

29. Juni 2009

Gericht verurteilt die Türkei zu Schmerzensgeldern

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags:, , — Christoph @ 17:31
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Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat einer 37-jährigen Frau aus Diyarbakır Schmerzensgeld in Höhe von 30.000 Euro zugesprochen. Diese war jahrelang von ihrem Mann misshandelt worden. Im Jahre 2002 ermordete der gewalttätige Ehemann der Frau schließlich seine Schwiegermutter. Er wurde zwar zu lebenslanger Haft verurteilt, kam jedoch im Zuge eines Berufungsverfahrens wieder auf freien Fuß. Die Übergriffe gingen weiter. Das Gericht warf der Regierung “Passivität” beim Schutz der Frauen gegen häusliche Gewalt vor.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in StraßburgZwar sieht das türkische Gesetz eine Gleichberechtigung der Geschlechter vor, und auch der Schutz von Frauen und Kindern ist im Gesetzesbuch geregelt. In der Praxis jedoch stoßen die Opfer meist auf Gleichgültigkeit der Behörden. Unter dem Hinweis auf “interne Familienangelegenheiten” werden die wenigen Frauen, die den Schritt einer Strafanzeige wagen, meist wieder nach Hause geschickt. Die seltenen Einrichtungen, die es zum Schutze der Frau in der Türkei gibt, müssen meist privat finanziert werden und gewährleisten den Opfern nur selten Sicherheit.

In ihrem Urteil bemängelten die Straßburger Richter, dass trotz der Reformen der vergangenen Jahre die Justiz kaum auf Fälle häuslicher Gewalt reagiere, wobei die Täter häufig straffrei blieben. “Die Klägerin hat deutlich dargelegt, dass die Passivität der türkischen Justiz ein Klima häuslicher Gewalt fördert”, sagte ein Sprecher des Gerichtes in Straßburg.

Als Meilenstein bezeichnete die Vorsitzende der Frauenrechtsorganisation Women for Women’s Human Rights (Frauen für Frauenrechte) Pinar Ilkkaracan das Urteil. Der Richterspruch setze nicht nur neue Maßstäbe für die Rechtssprechung in der Türkei, sondern auch gleichsam für alle 47 Mitgliedsstaaten des Europarats. Zum ersten Mal hebt ein europäisches Gericht häusliche Gewalt als Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot der Menschenrechtskonvention hervor.

Eine weitere Zurechtweisung musste sich die Türkei am vergangenen Dienstag (23.06.) gefallen lassen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte sprach zwei Klägern Schmerzensgeld in Höhe von 12000 und 6000 Euro zu. Diese waren in einem türkischen Gefängnis von Aufsehern schwer misshandelt worden. Auch hier sähe das türkische Gesetz einen Schutz der Opfer vor, rechtliche Schritte seien jedoch stets zurückgewiesen worden, so ein Sprecher des Gerichts.

27. Juni 2009

Aus alten Hamams werden stilvolle Cafés

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags:, — Christoph @ 13:28
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Das Dampfbad, das in der Türkei als Hamam bezeichnet wird, hat eine Jahrhunderte alte Tradition. Der Betrieb einiger dieser architektonischen Meisterwerke wurde jedoch aus mangelnder Wirtschaftlichkeit längst eingestellt. Vielen ehemaligen Badehäusern droht nun der Verfall, da Behörden sich nicht zuständig fühlen und Denkmalpflegern die Mittel fehlen. Geschäftstüchtige Gastronomen haben nun einige der geschichtsträchtigen Häuser zu Cafés oder/und Restaurants gemacht. Zwar beklagen viele Liebhaber, dass somit ein Stück Nostalgie verloren ginge, sie begrüßen aber auch gleichzeitig den Erhalt des wertvollen Kulturguts.

Das Cafe Şehzade in Gaziantep“Ich entsinne mich noch an meinen ersten Hamambesuch, als wäre er erst gestern gewesen”, erinnert sich der 82-jährige Ramazan während er bedächtig zwei Stück Zucker in sein Teeglas gleiten lässt. Mit glasigen Augen erzählt er weiter. “Mein Vater meinte, es wäre an der Zeit, mich das erste Mal mitzunehmen. Ich war aufgeregt und schämte mich ein wenig. Er hatte eine eigens für ihn reservierte Kabine, auf die er mächtig stolz war. Nachdem wir uns frische Handtücher um die Hüften gebunden hatten, betraten wir das Bad. Ich war grenzenlos beeindruckt.” Er war es nicht nur, er ist es immer noch. Mit der Begeisterung eines Jungen, der für seine erste große Liebe schwärmt, erzählt er weiter: “Da, wo Sie den Kellner sehen, saßen wir und schütteten uns kaltes Wasser über die Leiber. Unter dem großen Fenster hier vorne ließen wir uns massieren. Und von dort aus, wo jetzt diese abscheuliche Vitrine steht, konnte man den gesamten Hamam überblicken. Ich hielt mich an den gemischten Tagen oft stundenlang dort auf, um nach einer Braut für meinen ältesten Sohn Ferit Ausschau zu halten. Über 50 Jahre ist er nun mit seiner Gönül bereits verheiratet. Vier Enkel und elf Urenkel hat er uns geschenkt. Mit jedem Hamam, das schließt, stirbt ein Teil von mir.”

“Macht es Sie wütend, zu sehen, dass aus dem Hamam nun ein Café geworden ist ?” wollen wir wissen. “Nicht wütend”, erwidert uns der Greis. “Etwas traurig vielleicht. Aber es ist eben nun einmal der Lauf der Zeit. Ich bin froh, dass auf diese Art und Weise das Gebäude wenigstens erhalten geblieben ist. Ich komme jeden Tag hierher. Und manchmal treffe ich auch noch alte Freunde von ganz früher. Dann versinken wir in alten Erinnerungen. Mehr als tausend und eine Geschichten wissen wir uns zu erzählen. Und wenn ich nach Hause komme, schimpft meine Frau dann gewöhnlich. In dem Viertel meines Schwagers haben sie gleich zwei Hamams aus osmanischer Zeit einfach platt gemacht, diese Bauern. Und in einem dritten wollen nichteinmal die Ratten mehr wohnen.”

Wir fragen Ramazan, worauf er die Tatsache zurückführt, dass Hamams immer weniger besucht werden. “Das liegt doch auf der Hand, mein Sohn. Zu meiner Zeit teilten wir uns mit drei anderen Familien eine Toilette. Wir wuschen uns mit Wasser aus dem Brunnen, Duschen gab es nicht. Da war der Besuch eines Hamams etwas ganz besonderes. Ein gesellschaftliches Ereignis. Aus hygienischer Sicht hat das Hamam ausgedient. Und von der gesellschaftlichen Seite will die Jugend nichts wissen. Die jungen Leute wollen in die Discotheken oder sich in Bars amüsieren. Mich wundert, dass noch keines meiner Enkelkinder einen Gehörschaden hat. Das Leben ist schneller und hecktischer geworden. Für ein Hamam bleibt da wenig Zeit. Heute wird der Hamam immer weniger vom Volk besucht. Oft ist er leider nur noch eine Touristenattraktion. Und teuer ! 30 Lira wollten die das letzte mal von mir. Die gehören in ihrem eigenen Hamam ausgepeitscht. Diese Halsabschneider !”

Das älteste und größte (ehemalige) Hamam Istanbuls ist das Tahtakale Hamam. Nachdem es in den 80er Jahren als Lager und Kühlhaus benutzt wurde, kaufte im Jahre 1988 die Azmi Sebat Gruppe das Haus. Unter der strengen Aufsicht von Professor Doğan Kubat wurde das Gebäude fünf Jahre lang saniert und umgebaut. Über 700 LKW-Ladungen Schutt wurden entfernt. Neben verschiedenen kleinen Läden und Boutiquen beherbergt das Hamam nun auch ein Café. Vorwiegend Touristen genießen hier ihren türksichen Kaffee und den einzigartigen Flair.

Weitere Cafés in historisch bedeutenden Hamams finden wir u.a. in Gaziantep (Cafe Şehzade), in Amasra (Hamam Cafe) oder in Bursa (Bursa Ördekli Hamamı).

26. Juni 2009

Antalyas Touristen genießen die Seilbahn zum Gipfel des Tahtalıs

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags:, , , — Christoph @ 18:02
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Seit nun etwas mehr als drei Jahren haben viele Touristen und Einheimische in Antalya eine ganz besondere Art entdeckt, der Sommerhitze zu entfliehen. Die Fahrt mit Europas längster Seilbahn zum Gipfel des Tahtalıs. Der Tahtalı ist weltweit der dritthöchste Berg, der sich direkt vom Meeresspiegel erhebt. So gesehen, ist er mit seinen stolzen 2365 Metern höher als die Zugspitze oder der Großglockner.

Mit 2366 Metern Höhe, ist der Tahtali Dagi (lykische Küste, Südtürkei) weltweit der dritthöchste Berg, der sich direkt vom Meer erhebt.Von wichtigen Touristenzentren, wie Göynük, Kemer oder Tekirova gut und schnell erreichbar, verbindet die Seilbahn, die stellenweise zehn Meter in der Sekunde zurücklegt und mehr als 380 Meter über dem Boden schwebt, heißes mit angenehm frischem Klima. Dabei ist die im Jahre 2006 fertiggestellte Seilbahn keineswegs für jedermann gleichermaßen eine Freude. Zahlreiche Naturschützer hatten schon vor und während des Baus Einwände eingebracht. Etliche Bäume fielen dem Projekt zum Opfer, die Unberührtheit und die Sauberkeit der Region sei gefährdet. Oftmals wird der Bau auf dem Gipfel des Berges auch als “Kuckucksei” oder als “falsch gestrandete Arche Noah” verspottet. Bergsteiger, die sich vor Jahren noch zu Fuß auf den langen Weg gemacht hatten, bemängeln auch das “jahrmarktartige Treiben” auf dem Gipfel.

Für den Bau der Seilbahn wurde zunächst eine provisorische Lastenbahn errichtet. Insgesamt 3700 Kubikmeter Beton, 4200 Kubikmeter Wasser (4,2 Mio. Liter) und 420 Tonnen Stahl und Eisen wurden so auf den Gipfel des Berges geschafft. Unter höchsten Sicherheitsauflagen wurde die Seilbahn geplant und erbaut. Sie entspricht den schweizerischen Sicherheitsstandarts, mit die strengsten der Welt.

Unter dem Slogan “vom Meer in den Himmel” kann die Gondel bis zu 80 Passagiere auf einmal die 4350 m lange Strecke auf den Gipfel des Tahtalıs, dem höchsten Berg an der Mittelmeerküste, befördern. Nachdem die Baumgrenze überquert wurde, erreicht die Fahrt einen Höhepunkt, wenn die Gondel die Wolken durchquert, welche der Berg gleichsam zuverlässig wie scheinbar magisch anzieht. Keine zehn Minuten später können die Reisenden einen sagenhaften Ausblick auf die Region genießen. Bei klarem Wetter reicht die Sicht bis hin zu den Bergen von Anamur im Nordosten und auf die Hochebene von Elmalı im Westen.

Der Betriebsleiter der Anlage Haydar Gümrükçü ist zufrieden mit “seiner” Seilbahn. 300 Tage im Jahr, könne man eine klare Sicht genießen, bis zu 1000 Touristen würden zur Hochsaison täglich auf den Gipfel des Tahtalıs befördert. Während unter der Woche überwiegend ausländische Besucher kämen, würde am Wochenende die Zahl der einheimischen Gäste überwiegen. 40 Lira (ca. 18.50 Eur) kostet der Spaß derzeit für Erwachsene (hin und zurück), Kinder und Jugendliche im Alter von 7 bis 16 zahlen die Hälfte. Besserverdienende können neben dem sagenhaften Ausblick auch die sagenhaften Preise des Gipfelrestaurants genießen.

25. Juni 2009

Istanbul: Welterbe in Gefahr

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags:, — Christoph @ 18:08
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Hagia SophiaDerzeit tagt das UNECO-Komitee in Sevilla und berät über die Aufnahme weiterer Stätten in die Liste des Weltkulturerbes. Wie jedes Jahr, wird auch über die “rote Liste des Welterbes” diskutiert. In diese werden besonders gefährdete und erhaltenswerte Stätten aufgenommen. Die Zitadelle von Bam (Iran), die fast vollständig von einem Erdbeben zerstört wurde oder die Altstadt von Coro (Venezuela), die von einem schweren Sturm erheblich beschädigt wurde, sind nur zwei Beispiele. Während man hier noch überlegt, wie man die Denkmäler erhalten kann, überlegt man bei der Altstadt von Istanbul, die bereits 1985 in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde, ob man diese nicht gänzlich streicht. Grund ist eine schon fast mutwillige Zerstörung dieser einzigartigen Kulturstätte.

Das Komitee kritisiert in seinem Bericht, den Mangel an Interesse von Seiten der türkischen Regierung und der Stadtverwaltung Istanbuls. So wird beispielsweise beim Bau einer neuen U-Bahnlinie im Bereich des Goldenen Horns rücksichtslos “Platzt geschaffen”, obwohl Alternativen gegeben wären. Auch der Bau des neuen Four Season Hotels passt nicht zwingend in das Bild der Altstadt. Was jedoch nicht passt, wird passend gemacht. Wie die UNESCO-Delegierten darlegen, werden Einwände von den zuständigen Behörden schlichtwegs ignoriert.

Einem Bericht zur Folge, den das Komitee nach seinem Besuch in Istanbul im Mai erstellt hat, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass Istanbul von der Liste des Weltkulturerbes gestrichen wird. Denkmalschützer Viki Çiprut wünscht sich von der UNECO eine “Schonfrist” von einem Jahr, Zeit genug für die türkischen Verantwortlichen ihre Vorgehensweise zu überdenken. Das Gremium bemängelt insbesondere den Artikel 5366 des türkischen Gesetzbuches, der zwar den Abriss türkischer Kulturgüter regelt, nicht aber deren Erhalt. Auch dieser Artikel sollte laut Bericht der UNESCO überarbeitet werden.

Insgesamt neun Stätten in der Türkei hat die UNESCO auf ihre Liste des Welterbes aufgenommen:

Das historische Istanbul (1985)
Der Göreme Nationalpark und die Felsendenkmale von Kappadokien (1985)
Die Moschee und das Krankenhaus von Divriği (1985)
Die Ruinen von Hattusa (1986)
Die Grabstätte auf dem Nemrut Dağ (1987)
Die Ruinen von Xanthos mit dem Heiligtum Letoon (1988)
Die Stadt Hierapolis – Pamukkale (1988)
Die Altstadt von Safranbolu (1994)
Die historischen Ausgrabungen in Troja (1998)

24. Juni 2009

Polygamisten riskieren ihr Einkommen

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags: — Christoph @ 17:43
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Ein Abkommen der ganz besonderen Art haben am gestrigen Dienstag die Stadt Diyarbakır mit ihren Mitarbeitern unterzeichnet. Demnach sollen Männer, die eine oder mehrere Nebenfrauen heiraten, auf Antrag der ersten (legal angetrauten) Ehefrau ihren gesamten Lohn an diese abtreten. Das selbe soll auch für Männer gelten, die ihre Frauen und/oder Kinder körperlich misshandeln. Zwar ist in der Türkei die Vielehe (Polygamie) vom Gesetz her verboten, dennoch finden sich gerade im Südosten der Türkei viele Geistliche, die bereit sind eine religiöse Eheschließung durchzuführen. Falsch ist die im Westen der Türkei weitverbreitete Annahme, dass die Praxis der Polygamie nur von Kurden, den man gerne Rückständigkeit nachsagt, angewandt würde. Die Kurden sind in dieser Region haushoch in der Überzahl, prozentual gesehen beträfe das Problem jedoch Nichtkurden im gleichen Maße.

PolygamieDes Weiteren sieht die Vereinbarung vor, dass Schulden an Ehemänner, die ihre Frau verlassen, nur mit deren Einverständnis bezahlt werden dürfen. Das Abkommen, das vom Bürgermeister Yenişehirs (Diyarbakır) und dem Vorsitzenden des Personalrats Vezir Perişan am gestrigen Dienstag unterzeichnet wurde, sieht aber auch eine 14 %-ige Lohnerhöhung für die Stadtmitarbeiter vor.

Perişan hebte hervor, dass diese Neuregelung keinesfalls eine Diskriminierung der männlichen Mitarbeiter darstellen solle. Sie diene lediglich dem Schutz deren Kinder und Ehefrauen. Keiner der Angestellten habe Einwände gegen die Vereinbarung vorgetragen.

Eine ähnliche Vereinbarung wurde in Küçükdilli (Provinz Adana) unterzeichnet. Demnach soll die Hälfte des Gehalts der misshandelten Ehefrau zukommen. Der Rechtsanwalt Hüma Ozan begrüßte zwar die Neuregelung, zweifelte jedoch ihre Durchführbarkeit an, da sie nicht im Einklang mit dem türkischen Gesetz stünde. Selbst, wenn ein richterlicher Beschluss vorliege, könne maximal ein Viertel des Gehalts einbehalten werden.

Durchführbar oder nicht, während man in der Türkei versucht (zumindest symbolisch) einen Schritt in die richtige Richtung zu tun, geht man in Europa den Schritt zurück: schon seit August des vergangenen Jahres werden in den Niederlanden islamische polygame Ehen von den Behörden anerkannt.

23. Juni 2009

Antalya: Antkart vor dem Aus

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags:, , — Christoph @ 22:07
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Man ist an Ärgernisse schon gewöhnt in der Metropole, die Ägäis und türkische Riviera teilt: gerade erst wurde die Straßenbahnlinie, die im Eiltempo das Zentrum Antalyas mit dem 27 km nordwestlich gelegenen Busbahnhof verbinden sollte fertiggestellt. Der Bau der Trasse hatte die Bürger auf eine harte Geduldsprobe gestellt. Die ohnehin schon hoffnungslos überlasteten Straßen waren über Monate hinweg eine einzige großartige Baustelle, was dem Verkehrsfluss nicht zwingend beflügelte. Pünktlich, wie versprochen wurde die Linie dann auch feierlich eingeweiht. Zwar haben jetzt viele der wichtigsten Verkehrsadern der Stadt nur noch eine Fahrbahn (z.B. die Şarampol Caddesi), dafür haben die Bürger jetzt eine hochmoderne Stadtbahn. Einen kleinen Schönheitsfehler hat die Bahn jedoch: sie fährt nicht ! Schienen und Oberleitungen wiesen derartige Sicherheitsmängel auf, dass nicht einmal die türkischen Behörden (die nicht ganz so streng sind, wie der deutsche TÜV) grünes Licht für das Projekt gaben. Der Ausgang bleibt spannend, wir halten unsere Leser auf dem Laufenden.

Die Antkarte vor dem Aus Während die Werbeplakate für die rund 110 Mio.-teure Stadtbahn allmählich vergilben oder mit anderen Plakaten für einen italienischen Zirkus oder Popkonzerte überklebt wurden, leuchten die für die Antkart noch in heller Farbe. Auch auf der Internetseite der Antkart, die mehr einer Lichtorgel als einer Informationsplattform ähnelt, ist von Unregelmäßigkeiten (noch ?) nichts zu lesen.

Nicht einmal ein Jahr währte die Freude an der kleinen Karte, die das Busfahren in Antalya vereinfachen sollte. Aber nicht nur Busse, Tramway (”neutürkisch” für Straßenbahn) oder Stadtbahn sollten die Karte akzeptieren. Geplant war auch, das Stück Plastik als eine Art Kreditkarte an Busbahnhöfen, Flughafen, Restaurants etc. zum Einsatz zu bringen. Die Idee war nicht schlecht: die Antkart wurde auf ein Lesegerät gelegt und das Fahrgeld wurde automatisch abgebucht. In Istanbul oder Sivas funktioniert das schon lange. Aufladen konnte man die Antkart an zahlreichen Kiosks, die von Weitem sichtbar auf diesen Service hinwiesen. Das Chaos war vorherzusehen: nach einer kurzen Schonzeit im Sommer vergangenen Jahres, wurde die Antkart von einem Tag auf den anderen Pflicht. Eine Beförderung ohne Antkart war (anfangs) nicht möglich. Am Busbahnhof herrschte die ersten Tage “Ausnahmezustand”. Mitarbeiter der Verkehrsgesellschaften, die kaum englisch sprachen, versuchten Touristen, die kein Wort türkisch sprachen, die Sachlage zu erklären. Not macht jedoch erfinderisch: nach einigen Tagen kamen die Busfahrer auf die rettende Idee, sich selbst eine Antkart zuzulegen und Reisenden, die nur Bargeld hatten, das Fahrgeld von dieser abzubuchen. Meist zeigten sich die Fahrer ohnehin sehr entgegenkommend, waren es ja letztendlich sie, die kontrolliert werden sollten (was natürlich niemals jemand zugeben wird).

Wer jedoch gestern mit der Karte bezahlen wollte, bekam vom Fahrer ein mürrisches “geht nicht” zur Antwort. Wir haben Verständnis für das Murren: hunderten von Fahrgästen musste er einzeln erklären, was er selbst erst am Morgen erfahren hatte. Ein Blick auf die Monitore, die dem Reisenden während der Fahrt die Langeweile vertreiben sollten, genügt: hier hängen jetzt amtliche Blätter der Stadt Antalya mit dem Hinweis auf ein Insolvenzverfahren. Pech haben alle, die ihre Antkart erst neu aufgeladen haben: von wem, wo und ob sie ihr Geld erstattet bekommen, bleibt abzuwarten.

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