Tausende versammelten sich am gestrigen Donnerstag vor dem Madımak Hotel in Sivas, um den Opfern des “Massakers von Sivas” zu gedenken. 37 Menschen starben 1993 in den Flammen eines Feuers, das islamische Fundamentalisten gelegt hatten. Auch in anderen Städten der Türkei, so in Izmir oder Istanbul, versammelte man sich anlässlich des 16. Jahrestages.
Sivas zählt mit seinen 113 Moscheen ähnlich wie Konya zu den religiösen Zentren der Türkei. Aziz Nesin hatte zu einer Tagung liberaler Schriftsteller geladen. Am 02. Juli des Jahres 1993 steckte eine aufgebrachte Menge, von islamischen Fundamentalisten angeführt und aufgehetzt, das Madımak Hotel in Sivas in Brand. Neben 33 Intellektuellen, meist Aleviten, kamen auch zwei Hotelangestellte und zwei der Mitattentäter bei dem Anschlag ums Leben. Einigen der Opfer misslang die Flucht aus der Feuerhölle, da der aufgebrachte Mob sie daran hinderte. Augenzeugen berichten auch von einem “passiven Verhalten” der herbeigerufenen Sicherheitskräfte. Notärzte und Feuerwehr sollen auch in ihrer Arbeit behindert worden sein. Zuvor hatten sich nach dem Freitagsgebet etwa 1.000 Gläubige auf den Weg zu dem Hotel gemacht. Zuletzt war die Schar auf etwa 16.000 angewachsen. Durch Schüsse in die Luft konnte die Menge von der Polizei halbwegs gebändigt werden. Von etwa 150 Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt in dem Gebäude aufhielten, konnten 37 nicht gerettet werden.
Wie die türkische Tageszeitung Vatan berichtet, räumte Türkeis Kultur- und Tourismusminister Ertuğrul Günay ein, das Massker sei “vor den Augen und mit einer außerordentlichen Vernachlässigung des Staates” geschehen. Günay begrüßte auch, dass ein Kebaprestaurant im Eingangsbereich des Hotels nach zunehmenden Protesten geschlossen wurde. Ein Kebaprestaurant an der Stelle, an der Menschen ermordet wurden, empfände er als pietätlos. Weiter führte Günay an, er wünsche sich für die Zukunft, dass derartige Ereignisse niemandem mehr widerfahren sollen und dass der Staat alles menschenmögliche tun werde, um solches zu vermeiden. Zahlreiche staatlich und nichtstaatliche Organisationen legten Kränze an der Atatürkstatue in Sivas nieder. Einige Teilnehmer der Gedenkveranstaltung brachten Blumen mit, die sie ebenfalls in stiller Andacht vor das Hotel und in dessen Eingangshalle legten.
Bestrebungen, aus dem Hotel eine Gedenkstätte für die Opfer zu machen, schlugen bisher fehl. Der Generalsekretär der Republikanischen Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi, CHP) Önder Sav wünscht sich an der Stelle des Hotels ein “Museum für Toleranz”. Auch Masum Türker, Vorsitzender der Demokratischen Linkspartei (Demokratik Sol Parti, DSP) ist von Savs Idee angetan: ein Museum würde kommenden Generationen das Verständnis für “Frieden, Liebe und Toleranz” erleichtern.
In Sivas haben die Behörden mit einem Aufgebot von rund 2.000 Polizisten die Sicherheit der Gedenkveranstaltung gewährleisten können. Auch in Istanbul und Izmir wurde am gestrigen Dienstag Nachmittag der Ermordeten gedacht.

(3 votes, average: 4.33 out of 5)
(4.20 out of 5)