Gute 60 Jahre ist es nun her, dass der legendäre Norweger Thor Heyerdahl (1914-2002), auf seinem Floß aus Balsaholz, der legendären “Kon-Tiki”, den Pazifik überquert hat. Revolutionär waren die Ideen des Abenteurers, der als Begründer der experimentellen Archäologie gefeiert wird. Dabei werden seine grandiosen humanistischen Leistungen oftmals zu wenig beachtet. Andenindianer bauten die “Ra II” fast vollständig aus Papyrus. Eine internationale und multikulturelle Besatzung steuerte das Boot, das am 17.05.1970 vor der Küste Marokkos in See gestochen war, kaum zwei Monate später, am 12.07. sicher in den Hafen von Barbados.
Auch türkische Archäologen haben jetzt ein Projekt realisiert, dass die Seefahrt der Antike wieder aufleben lässt. Nicht ganz so viel weltweites Aufsehen erregt die “Kybele”, ein originalgetreuer Nachbau eines zweireihigen Ruderkriegsschiffes, einer sog. Bireme, die unlängst auf historischem Wege den Hafen von Marseille erreicht hat. Die 360° Gesellschaft für historische Forschung (360 Derece Tarih Araştırmaları Derneği) ließ das 19 Meter lange und 4.5 Meter breite Kriegsschiff auf der Grundlage originaler antiker Pläne nachbauen und entsendete es von Phokaia (heute Foça, nahe Izmir) auf seine geschichtsträchtige Reise nach Marseille.
Um 600 v.Chr. war Phokaia eine der bedeutendsten ionischen Städte der anatolischen Westküste mit zahlreichen Kolonien im Mittelmeerraum, eine davon Marseille. Unter dem Motto “Izmir-Foça-Marseille, eine Reise in die Geschichte”, machte die “Kybele” am 07.06. mit Kurs auf das 1700 Seemeilen entfernte Marseille seine Leinen los. Von Kapitän Osman Erkut, dessen Vorfahren vor rund 300 Jahren selbst aus Marseille nach Anatolien ausgewandert waren, waren insgesamt 30 Archäologen, Ruderer, Steuermänner und weitere Freiwillige an Bord der “Kybele”. Nachdem das Schiff Griechenland hinter sich gelassen hatte, erreichte es einen Monat nach seiner Abreise italienische Gewässer und konnte alsbald direkten Kurs auf Marseille nehmen.
Mit der “Kybele”, möchten die Organisatoren nicht nur historisches Interesse wecken. Vielmehr verstehen die Verantwortlichen das Projekt auch als eine Art Friedensmission, die zu einem besseren Verständnis Europas zu Anatolien beitragen soll. Es soll den beiden Ländern gegenseitigen Einblick in ihre Kulturen gewähren und die traditionelle Freundschaft zwischen Frankreich und der Türkei kräftigen. Nächstes Jahr erst will die “Kybele” nach Beendigung seiner Aktivitäten im Rahmen der neunmonatigen “türkischen Saison”, bei der von Juli 2009 bis März 2010 über 400 Veranstaltungen vorgesehen sind, seine Heimreise antreten. Die Rückreise ist über die Donau geplant. Die Ruderer freuen sich: Flussabwärts, den Wind zumeist im Rücken, wird ihre Arbeit von einem 7 mal 12 Meter großem Segel übernommen. Über Deutschland, Österreich, die Slowakei, Ungarn, Kroatien, Serbien und Bulgarien soll dann die “Kybele” schließlich das Schwarze Meer erreichen und Kurs auf Istanbul, der Kulturhauptstadt 2010 (gemeinsam mit Essen und Pécs), nehmen.

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