Nachrichten aus der Türkei

4. Juli 2009

All-inclusive-Urlaub: Fluch oder Segen ?

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags:, — Christoph @ 11:43
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Viele Einheimische Fethiyes sind der Ansicht, All-inclusive-Urlaub ruiniere den Tourismus. Sie beklagen, dass Reisende, die einen Fixpreis für Flug, Hotel, Essen und Getränke bezahlen, nur sehr wenig bis garnichts für die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt beitragen. Viele verließen ihre “Bunker”, wie die luxuriösen Anlagen bei der Bevölkerung gelegentlich zynisch genannt werden, erst garnicht und wenn, dann nur soweit, dass das nächste All-inclusive-Bier nicht in allzuweite Entfernung rückt.

FethiyeDie Konföderation der türkischen Handwerkskammern (Türkiye Esnaf ve Sanatkarları Konfederasyonu, TESK) unterstützt derzeit Bemühungen der Provinzhauptstadt Muğla, All-inclusive-Hotels aus der Region zu verbannen. Mehmet Soydemir, Vorsitzender der TESK in Fethiye, gab an, er werde mit Beschwerden “oder vielmehr Forderungen” förmlich überschwemmt. Er müsse jetzt handeln, bevor es zu spät sei. “Es ist leichter gesagt, als getan”, so Soydemir, “da wir nicht wissen, wo wir ansetzen sollen. Die Gewerbetreibenden Fethiyes leiden wirklich ernsthaft unter dieser Situation. Viele stehen kurz vor dem Bankrott, einige haben gar schon ihre Existenz verloren. Mit der steigenden Anzahl an All-inclusive-Touristen geht ein sinkender Umsatz für die örtlichen Geschäftsleute einher.”

Selbstverständlich sind auch hier mehrere Seiten zu betrachten. In Zeiten der Weltwirtschaftskrise ist ein All-inclusive-Urlaub eine gute Gelegenheit für Touristen, die sich sonst gar keinen Urlaub leisten könnten. Eine Woche in der Sonne, alle Speisen und Getränke frei , Flug und Transfer inbegriffen, das alles für 350 Euro… Was will man mehr ? Wer individuell in Lykiens Perlen, wie beispielsweise Kaş, Kalkan, Kekova, Çıralı oder Adrasan Urlaub machen möchte, darf schon mal ein Vielfaches hinblättern und auf den Luxus der exklusiven Anlagen verzichten.

“Unter diesen niedrigen Preisen hat selbstredend auch jemand zu leiden”, so Soydemir. Oftmals bekämen die Hoteliers gerademal 7 Lira (etwa 3.30 Euro) pro Gast und Übernachtung. Damit sind häufig noch nicht einmal die Kosten gedeckt, von einem Verdienst ganz zu schweigen. Die staatlichen Subventionen haben in den letzten Jahren ebenfalls drastisch nachgelassen.

“Den Alptraum hatten wir vor zwei Wochen”, berichtet ein Hotelangestellter aus der Nähe von Fethiye. “Eine ganze ehemalige Schulklasse traf sich anlässlich ihres fünfjährigen Abschlussjubiläums in unserem Haus. Die Sauforgien begannen schon nach dem Frühstück.” Und sein Chef fügt hinzu: “Weit verbreitet ist der Irrtum, wir, als Betreiber von All-inclusive-Hotels, seien die großen Gewinner in der Geschichte. Wir ziehen lediglich ‘den Spatzen in Fethiye’ der ‘Taube in Kemer oder Alanya’ vor. Wenn das jedoch so weitergeht, werde ich bald meine Angestellten nicht mehr bezahlen können. Einen Bademeister musste ich schon entlassen. Drei Kinder hat er.Wenn er mir gelegentlich über den Weg läuft, beschimpft er mich aufs Heftigste. Ich habe Verständnis und erwidere meistens nichts”

3. Juli 2009

Türkei gedenkt der Opfer von Sivas

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags:, — Christoph @ 11:55
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Tausende versammelten sich am gestrigen Donnerstag vor dem Madımak Hotel in Sivas, um den Opfern des “Massakers von Sivas” zu gedenken. 37 Menschen starben 1993 in den Flammen eines Feuers, das islamische Fundamentalisten gelegt hatten. Auch in anderen Städten der Türkei, so in Izmir oder Istanbul, versammelte man sich anlässlich des 16. Jahrestages.

SivasSivas zählt mit seinen 113 Moscheen ähnlich wie Konya zu den religiösen Zentren der Türkei. Aziz Nesin hatte zu einer Tagung liberaler Schriftsteller geladen. Am 02. Juli des Jahres 1993 steckte eine aufgebrachte Menge, von islamischen Fundamentalisten angeführt und aufgehetzt, das Madımak Hotel in Sivas in Brand. Neben 33 Intellektuellen, meist Aleviten, kamen auch zwei Hotelangestellte und zwei der Mitattentäter bei dem Anschlag ums Leben. Einigen der Opfer misslang die Flucht aus der Feuerhölle, da der aufgebrachte Mob sie daran hinderte. Augenzeugen berichten auch von einem “passiven Verhalten” der herbeigerufenen Sicherheitskräfte. Notärzte und Feuerwehr sollen auch in ihrer Arbeit behindert worden sein. Zuvor hatten sich nach dem Freitagsgebet etwa 1.000 Gläubige auf den Weg zu dem Hotel gemacht. Zuletzt war die Schar auf etwa 16.000 angewachsen. Durch Schüsse in die Luft konnte die Menge von der Polizei halbwegs gebändigt werden. Von etwa 150 Menschen, die sich zu diesem Zeitpunkt in dem Gebäude aufhielten, konnten 37 nicht gerettet werden.

Wie die türkische Tageszeitung Vatan berichtet, räumte Türkeis Kultur- und Tourismusminister Ertuğrul Günay ein, das Massker sei “vor den Augen und mit einer außerordentlichen Vernachlässigung des Staates” geschehen. Günay begrüßte auch, dass ein Kebaprestaurant im Eingangsbereich des Hotels nach zunehmenden Protesten geschlossen wurde. Ein Kebaprestaurant an der Stelle, an der Menschen ermordet wurden, empfände er als pietätlos. Weiter führte Günay an, er wünsche sich für die Zukunft, dass derartige Ereignisse niemandem mehr widerfahren sollen und dass der Staat alles menschenmögliche tun werde, um solches zu vermeiden. Zahlreiche staatlich und nichtstaatliche Organisationen legten Kränze an der Atatürkstatue in Sivas nieder. Einige Teilnehmer der Gedenkveranstaltung brachten Blumen mit, die sie ebenfalls in stiller Andacht vor das Hotel und in dessen Eingangshalle legten.

Bestrebungen, aus dem Hotel eine Gedenkstätte für die Opfer zu machen, schlugen bisher fehl. Der Generalsekretär der Republikanischen Volkspartei (Cumhuriyet Halk Partisi, CHP) Önder Sav wünscht sich an der Stelle des Hotels ein “Museum für Toleranz”. Auch Masum Türker, Vorsitzender der Demokratischen Linkspartei (Demokratik Sol Parti, DSP) ist von Savs Idee angetan: ein Museum würde kommenden Generationen das Verständnis für “Frieden, Liebe und Toleranz” erleichtern.

In Sivas haben die Behörden mit einem Aufgebot von rund 2.000 Polizisten die Sicherheit der Gedenkveranstaltung gewährleisten können. Auch in Istanbul und Izmir wurde am gestrigen Dienstag Nachmittag der Ermordeten gedacht.

1. Juli 2009

Araber stürmen türkische Einkaufszentren

Abgelegt unter: Nachrichten — Tags:, — Sabrina @ 11:34
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In einer Zeit, da die Türkei die größte wirtschaftliche Rezession seit acht Jahren durchlebt, kann sich “Hasan-Normalverbraucher”, der jede Lira zweimal umdrehen muss, keine Einkaufsorgien leisten. Anders sieht es bei arabischen Touristen aus, deren Ölreichtum selbst die Preise exquisiter Marken lächerlich erscheinen lässt. Weil die Zahl der europäischen und russischen Touristen in den letzten Jahren drastisch abgenommen hat, kommen die Besucher aus der arabischen Welt, Zentralasiens oder dem Iran den türkischen Händlern gerade recht. Der türkischen Tageszeitung Hürriyet zu Folge stiegen im Vergleich zum Vorjahr die Besucherzahlen aus Saudi Arabien um satte 226 %. Zahlenmäßig gewaltig zulegen konnten aber auch Shoppingtouristen aus Kuwait (198 %) und dem Iran (88 %). Auch aus Zentralasien wurden erstaunliche Zuwachsraten verbucht.

Arabische Frauen beim EinkaufenDas Geschäft rechnet sich: während ein Europäer pro Kopf in seinem Urlaub gerade einmal 600 US$ ausgibt (Russen geringfügig mehr), bringen es arabische Besucher in weitaus kürzerer Zeit auf satte 2000 US$ im Schnitt. Im vergangenen Jahr spülten Araber auf diese Weise über 4.5 Mrd US$ in die Kassen der Händler. Für dieses Jahr rechnet man mit einem 20%-igen Anstieg der Umsätze. Gute Aussichten, nicht nur für Juweliere, Boutiquen oder Elektronikfachgeschäfte. Vor allem die Reisebranche profitiert massiv davon und schneidet sich ihr “Stück vom großen Kuchen” ab. Zum einen achten die reichen Besucher kaum auf die Flugpreise, einige Fluggesellschaften erwägen schon, einen Teil ihrer Maschinen ausschließlich mit Sitzen erster Klasse zu bestücken. Zum anderen haben auch die Schlepper Hochkonjunktur. Kaum zu glauben, aber ausgerechnet Kunden aus dem Nahen Osten, die den Ruf der ewigen Feilscher innehaben, fragen oftmals erst garnicht nach dem Preis. “Bei der Auswahl der Waren sind unsere arabischen Kunden extrem anspruchsvoll und auch manchmal anstrengend”, berichtet ein Uhrenhändler, der ausschließlich die feinsten Schweizer Marken ausgestellt hat. “Wenn es dann aber ums Zahlen geht, legen sie die ‘Kohle’ auf den Tisch, bedanken sich gelegentlich und verschwinden”.

Am kulturellen Geschehen zeigt kaum ein Besucher Interesse. Große Reiseagenturen haben sich daher längst auf die verschiedenen Nationalitäten eingestellt. Reiseprospekte unterscheiden sich nicht mehr ausschließlich durch die Sprache. Während bei den Russen Spaß im Vordergrund steht, werden bei den Europäern die wichtigsten Kulturdenkmäler und Ausflüge, beispielsweise auf die Prinzeninseln, in die Prospekte mit aufgenommen. Ganz anders sieht es in den Prospekten aus, die speziell für die “Shopper” gedruckt werden. Hier werden fast ausschließlich die größten und exklusivsten Einkaufszentren aufgegliedert. Und auch hier wieder ein Kuriosum: “Die teuersten und edelsten Alkoholika werden von Iranern gekauft”, erzählt uns ein Händler. Araber und Iraner seien leicht zu unterscheiden: “Wenn eine iranische Frau ihr Land verlässt, nimmt sie als erstes ihr Kopftuch ab.” Der Händler grinst verschmitzt. “Alle”, fügt er hinzu.

“Ursprünglich hatten wir versucht mit Touren zu unseren kulturellen Highlights, wie z.B. der Hagia Sofia oder dem Topkapı Palast, Touristen aus Arabien zu locken”, so Cem Polatoğlu, Leiter von Baracuda Tour. Nun, da wir die Begeisterung der Araber fürs Einkaufen entdeckt haben, schneidern wir die Touren auf ihre Bedürfnisse zu. Zur Zeit organisieren wir Drei- bis Viertagesreisen. Diese sind die effizientesten”.

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