“An dem Tag, an dem ich in die Pension in Lausanne einzog, fragte mich die Vermieterin vor den anderen Gästen, die aus mehr als zehn verschiedenen Nationen zusammenkamen: ‘Monsieur, Sie kommen aus Istanbul, sind sie Türke oder Grieche ?’ In meinem gebrochenen Französisch antwortete ich:’Weder Türke noch Grieche’. Auf ihre Frage:’Zu welchem Volk gehören sie dann ?’ antwortete ich ‘Ich bin Kurde’. Alles Gäste am Tisch schauten mich verdutzt an, als ob sie etwas ganz sonderbares gehört hätten. Natürlich schämte ich mich. Und ich war verletzt, dass ich zu einem Volk gehörte, das niemand kannte. Glücklicherweise waren zwei Russen zugegen, die mir aus meiner Verlegenheit halfen und etwas über die Kurden und Kurdistan sagen konnten. Am nächsten Tag saß ich nach dem Frühstück im Salon. Die Pensionswirtin fragte: ‘Sie sagen, dass Sie Kurde sind. Wo ist denn ihr Land ?’ Ich öffnete die Landkarte, die dort lag, zeigte auf die Stadt Diyarbakir, über der der Name Kurdistan in großen Buchstaben geschrieben stand, und sagte:’Da komme ich her.’”
Aus einem kurdischen Tagebuch (um 1910)
Mit einer breitangelegten Offensive möchten Gemeinden im Südosten der Türkei auf ihr Kulturgut aufmerksam machen und Touristen in der Region locken. Der Region, die mit die kostbarsten Schätze des Landes birgt und ebenfalls bereits zu Beginn der menschlichen Zivilisation besiedelt war, werde zu wenig Achtung geschenkt, beklagen sich viele Reiseführer. Meistens sind es gerade mal ein paar Rucksacktouristen, die sich in den Südosten verlaufen, oftmals als “Freaks” verspottet. “Leider hat sich in den Köpfen vieler Europäer ein vollkommen falsches Bild über unser Land und unsere Leute formiert”, beklagt sich Özgür Öztürk, ein Reiseleiter aus Diyarbakır. “Die meisten von uns sind Kurden, wir sind aber keine Terroristen. Ich kenne auch niemanden hier, der mit Terroristen sympathisiert. Hier werden auch keine Menschen auf offener Straße erschossen. Bei uns ist es mindestens genauso sicher, wie in allen anderen Regionen der Türkei. Das hohe Militäraufgebot schützt uns und unsere Gäste. Sehen Sie, ich bin Kurde. Aber ich heiße mit Nachname ‘Öztürk’. Das heißt übersetzt ‘reiner Türke’. Den Namen hat mein Urgroßvater für unsere Familie gewählt.” Özgür fügt mit ernster Miene hinzu: “und die paar wenigen schwarzen Schafe, die das Militär gottlob gut im Griff hat, werden zum einen weniger und haben es zum anderen nicht auf Touristen abgesehen.Unruhen entstehen nur da, wo es den Menschen schlecht geht. Hakkari an der Grenze zum Irak war einmal ein beliebtes Bergsteigerparadies. Heute ist es die ärmste Provinz des Landes. Dankbar sind wir dafür niemanden.”
Für einen gründlichen Besuch Diyarbakırs und seiner Umgebung sollte man mindestens drei Tage einplanen. Diyarbakır war im Laufe seiner Geschichte Heimat von nicht weniger als 33 Völkern. Eine fünf kilometerlange aus örtlichem Basalt gebaute Stadtmauer umgibt das Zentrum der Stadt. Von den Römern erbaut und unter Konstantios II. (317-361) ausgebaut, wurde sie ab dem 12. Jahrhundert immer wieder verstärkt und erweitert. Bis zu 10 Meter hoch und 5 Meter breit sind die mächtigen mit zahlreichen Reliefs versehenen Mauern. Als weitere Sehenswürdigkeit ist die Ulu Camı (Große Moschee), als älteste Moschee Anatoliens einen Besuch wert. In Diyarbakır gehen der Ruf des Muezzins und das Leuten christlicher Kirchen oftmals ineinander über.
Diyarbakır eignet sich auch hervorragend als Ausgangspunkt für Erkundungen in der Umgebung und für weitere Reisen im Südosten der Türkei. Gleich in der Nähe von Ergani, etwa 60 km entfernt, stoßen Besucher bei Çayönü auf die Ursprünge menschlicher Zivilisation. Zwar halten die spärlichen Ruinen Çayönüs aus touristischer Sicht einen Vergleich mit den “ganz großen Ausgrabungsstätten” der Türkei nicht stand. Aus historischer Sicht sind sie jedoch eine Sensation. Auf das achte vorchristliche Jahrtausend datiert, könnten sie mindestens so alt sein wie Jericho, das den Ruf die älteste Stadt der Welt zu sein für sich beansprucht.
Ebenfalls gut zu erreichen sind historische Stätten, wie der Berg Nemrut (Nemrut Dağ), dessen monumentale Grabstätten seit 1987 von der UNESCO auf der Liste des Weltkulturerbes geführt werden. Rund 1600 Jahre alt ist das etwa 23 km südöstlich von Midyat gelegene syrisch-orthodoxe Kloster Mor Gabriel gelegen. Hier wird noch Aramäisch, die Sprache Jesu gesprochen, die außer im Kloster nur noch in einigen Teilen Mardins und in Maalula (Syrien) gesprochen wird. Auch das Hasan Keyf am biblischen Tigris, um dessen Erhalt sich Umweltschützer gleichsam wie Einwohner der Region bemühen, ist nicht weit. Viele Legenden haben sich um das uralte Şanlıurfa gebildet, so mancher vermutet dort sogar die Geburtsstätte Abrahams.
Dies alles sind nur ein paar wenige Beispiele für den kulturellen Reichtum Südostanatoliens, der den historisch interessierten Besucher zweifellos in seinen Bann ziehen wird. So manchen wird die Reise in die Region und zu ihren unverfälscht gastfreundlichen Bewohnern auch helfen sein Weltbild über das “wilde Kurdistan” zurecht zu rücken. Auch die Anreise ist längst nicht mehr so erschwerlich, wie sie vor Jahren noch war, hochmoderne Busse fahren mehrmals täglich von allen wichtigen Orten des Landes in den Südosten der Türkei. Diyarbakır, Gaziantep oder Malatya sind bequem und günstig mit dem Flugzeug zu erreichen.

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